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Temelin: Plattformspr. kritistiert Techno-Mix

Josef Pühringer: "Temelin ist wie ein Trabi mit einem Ferrari-Motor"

Von Volker Weihbold

TEMELIN/ROHRBACH/URFAHR. Wochenlange Proteste, Grenzblockaden an den Grenzübergängen und politische Interventionen in Prag haben die Inbetriebnahme des grenznahen Atomkraftwerkes Temelin bisher verhindert. Gemeinsam mit Aktionsgemeinschaften und Politikern aller Couleurs kämpft die "Plattform gegen Atomgefahr" gegen das AKW. Tips Rohrbach/Urfahr bat Plattform-Chef Josef Pühringer aus St. Peter/Wbg. zum Interview.

Die Proteste gegen Temelin zeigen Wirkung, Prag gibt sich - zumindest vorsichtig - gesprächsbereit. Ein erster Erfolg?

Pühringer: Auf jeden Fall. Die verantwortlichen Politiker beginnen umzudenken, der Widerstand in Tschechien forciert sich zunehmend.

Die gesamte oö. Landesregierung steht geschlossen hinter einem Aus für Temelin. Gibt es von Seiten der Bundesregierung ebenfalls Solidaritätsbekundungen?

Pühringer: Erst in letzter Zeit. Leider bekannte die Bundesregierung bisher zu wenig Farbe und hat ihren Handlungsspielraum bei weitem nicht ausgeschöpft. Auch während der Sanktionen der EU-14 hätte Österreich eine deutlichere Sprache sprechen können. Obendrein hätte man mit einer Beschwerde bei der EU Tschechien schon früher den nötigen Respekt abverlangen können. Tschechien hat erst durch die Bürgerproteste erkannt, dass Temelin ein ernsthaftes Problem ist.

Viele Bewohner unserer Region, die an der Grenze leben, sind der Meinung, dass die Proteste zu spät gekommen sind, man sowieso nichts mehr machen könne.

Pühringer: Für Demonstrationen ist es nie zu spät. Auch im - aus heutiger Sicht - akuten Fall, dass Temelin in Betrieb geht, wird es weiter Widerstand geben. Unsere Chancen sind durchaus berechtigt. Geht das AKW in Betrieb, werden wir die Betreiber, Unternehmen, die hier mitgearbeitet haben, und die politisch Verantwortlichen mit Klagen beim internationalen Gerichtshof eindecken.

Warum wehrt sich Tschechien gegen die Stilllegung des AKWs?

Pühringer: Neben dem bekannten Argument wie den Kosten von knapp 44 Milliarden Schilling spielen hauptsächlich zwei Dinge eine Rolle: Zum Einen die veralteten Polit-Strukturen. Manche Politiker in Prag wollen das AKW mit aller Vehemenz durchdrücken. Zum Zweiten würden die Temelin-Betreiber das Gesicht verlieren, würde Temelin eingestellt werden. Die Betreibergesellschaft müsste dann eingestehen, dass es tatsächlich grobe Mängel bei diesem Versuchsreaktor gibt.

Versuchsreaktor?

Pühringer: Das AKW Temelin besteht aus einem Ost-West-Technologiemix. Die sowjetischen Reaktoren wurden mit westlichen Sicherheitstechniken nachgerüstet. Außerdem befindet sich im Kern ein anderer Brennstoff, als der, der vorgesehen war. Das ist das Gleiche, als baut man einen Ferrari-Motor in einen Trabi ein. So ein AKW gibt es auf der ganzen Welt kein zweites Mal.

Warum regt sich erst jetzt Widerstand in Tschechien?

Pühringer: Widerstand gibt es schon lange, aber bei unseren Nachbarn spielt die Angst eine große Rolle. Viele Atomgegner trauen sich aus Angst vor den Regierungsbonzen nicht, auf die Straße zu gehen und von ihrem demokratischen Recht Gebrauch zu machen. Atom-Gegner werden dort sehr schnell als Staatsverräter und Ökoterroristen bezeichnet. Und das, obwohl in Tschechien niemand mit Temelin zufrieden ist.

Das heißt?

Pühringer: Vergangenes Jahr fiel eine Abstimmung der Regierung ganz knapp mit 11:8 für den Weiterbau aus, trotz klarer Warnungen der staatlichen Kontroll- und Sicherheitsbehörde SUJB. Sie warnt seit Jahren vor Temelin, in jedem Bericht der SUJB werden schwerwiegende Mängel aufgezeigt. Aber die Angst vor den wenigen Mächtigen scheint auch hier zu wirken.

Wie geht es weiter, wird der Probebetrieb aufgenommen?

Pühringer: Geplant ist, das AKW Mitte Oktober in Betrieb zu nehmen. Sollte es tatsächlich so weit kommen, werden die Betreiber ein Jahr lang auf Sparflamme Strom erzeugen und den Reaktor dann stilllegen, da sie ja um die Probleme wissen. Das ist das Verantwortungslose in dieser Sache.

Welche Gefahren drohen, wird es - so wie in Tschernobyl - zum Super-GAU kommen?

Pühringer: Kaum. Vor allem deshalb, weil die Temelin-Betreiber ihrerseits zu viel Angst haben. Sie wären auf ewige Zeiten raus aus dem Atomgeschäft, das ist ihre größte Sorge. Und gefährlich sind bei den AKWs nicht nur Folgen wie Krebs: Die Strahlenfolgen im Niedrigdosisbereich in der Kraftwerksumgebung sind genauso gefährlich. Das wird von der Atomlobby aber immer wieder abgestritten.

 

Quelle: Bezirksmagazin, erschienen am 3.10.2000
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